Waldorfpädagogik FAQ


Welche Rolle spielen die Naturwissenschaften an der Waldorfschule?

Der natur­wis­sen­schaft­li­che Unter­richt stützt sich zwi­schen dem vier­ten und ach­ten Schul­jahr auf das prä­zi­se Beob­ach­ten bio­lo­gi­scher, phy­si­ka­li­scher und che­mi­scher Phä­no­me­ne und auf das selbst­stän­di­ge Ent­decken der jewei­li­gen Gesetz­mäs­sig­kei­ten. Vom 9. Schul­jahr an tre­ten abstrak­te Modell­vor­stel­lun­gen und die Begriffs­bil­dun­gen der moder­nen Natur­wis­sen­schaf­ten in den Vor­der­grund, wobei wei­ter­hin ein ergeb­nis-offe­ner, for­schen­der, auf eige­nen Wahr­neh­mun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen beru­hen­der Unter­richt prak­ti­ziert wird. Eine in Öster­reich durch­ge­führ­te PISA-Stu­die zu den Natur­wis­sen­schaf­ten beschei­nigt Wal­dorf­schü­lern weit über­durch­schnitt­li­che natur­wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­ten­zen und führ­te dies aus­drück­lich auf die als vor­bild­lich bezeich­ne­ten phä­no­me­no­lo­gi­schen Unter­richts­me­tho­den zurück.

Ist es nicht so, dass hauptsächlich Kinder mit Lernschwierigkeiten auf eine Waldorfschule gehen?

Nein. Aus­drück­lich nein. An Wal­dorf­schu­len ler­nen Kin­der aller Bega­bungs­rich­tun­gen wie an den staat­li­chen Regel­schu­len auch, nur dass hier neben intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten gleich-gewich­tig auch sozia­le und hand­werk­lich-künst­le­ri­sche Fähig­kei­ten gefor­dert und geför­dert wer­den. Die indi­vi­du­el­le För­de­rung von Kin­dern mit beson­de­rem Assi­stenz­be­darf ist eine wich­ti­ge Säu­le der Wal­dorf­päd­ago­gik, die ent­we­der in Schu­len mit einem inklu­si­ven Kon­zept oder in heil­päd­ago­gi­schen För­der­schu­len umge­setzt wird.

Stimmt es, dass es an Waldorfschulen keine Noten und kein Sitzenbleiben gibt?

Auch wenn Wal­dorf­schu­len in der Unter- und Mit­tel­stu­fe auf Noten ver­zich­ten, wer­den die Schü­ler­ar­bei­ten selbst­ver­ständ­lich gewür­digt. An Stel­le der Noten ste­hen indi­vi­du­el­le Beur­tei­lun­gen, in denen die Leh­rer glei­cher­mas­sen auf die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und die Lern­fort­schrit­te ihrer Schü­ler ein­ge­hen. Es zählt also nicht allein der Wis­sens­stand, son­dern die Gesamt­ent­wick­lung in einem bestimm­ten Zeit­raum. Wal­dorf­schü­le­rin­nen ler­nen von der ersten bis zur zwölf­ten Klas­se in einer sta­bi­len Klas­sen­ge­mein­schaft, unab­hän­gig vom ange­streb­ten Schul­ab­schluss: Nie­mand wird unter­wegs sit­zen gelassen.

Radio-Inter­view mit Hen­ning Kullak-Ublick

Ohne Noten und ohne Sitzenbleiben: sind die Kinder dann überhaupt zum Lernen motiviert?

Da der Wal­dorf­un­ter­richt sehr hand­lungs­ori­en­tiert und auf die jewei­li­ge Ent­wick­lungs­pha­se der Schü­ler abge­stimmt ist, stellt sich die­ses Pro­blem nur sel­ten. Eigen­in­itia­ti­ve ent­wickeln die Kin­der und Jugend­li­chen nicht auf­grund von äus­se­rem Lei­stungs­druck, son­dern aus leben­di­gem Inter­es­se und per­sön­li­cher Begei­ste­rung für die viel­fäl­ti­gen Unter­richts­in­hal­te. Die­se gestal­tet die Leh­re­rin krea­tiv und lebens­nah, so dass sie sich an der per­sön­li­chen Erfah­rungs­welt der Kin­der ori­en­tie­ren und ihnen eige­ne Erleb­nis­se ver­mit­teln. Wal­dorf­leh­rer berei­ten sich auf die­se anspruchs­vol­le päd­ago­gi­sche Tätig­keit an eige­nen Semi­na­ren und Hoch­schu­len vor.

Welche Abschlüsse können an einer Waldorfschule gemacht werden?

Alle. Da die ein­zel­nen Bun­des­län­der jeweils eige­ne Schul­ge­set­ze haben, gibt es zwar Unter­schie­de, aber grund­sätz­lich gilt, dass an einer Wal­dorf­schu­le die übli­chen staat­li­chen Abschlüs­se erwor­ben wer­den kön­nen: Haupt und Real­schul­ab­schluss eben­so wie das Abitur und mei­stens auch die Fach­hoch­schul­rei­fe. Am Ende des zwölf­ten Schul­jah­res (an eini­gen Schu­len am Ende der elf­ten Klas­se) bie­ten zahl­rei­che Wal­dorf­schu­len einen eige­nen Wal­dorf-Schul­ab­schluss an, der ihren Schü­lern Gele­gen­heit gibt, neben den Prü­fungs­fä­chern der staat­li­chen Abschlüs­se ihre indi­vi­du­ell erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen zu prä­sen­tie­ren. Das drei­zehn­te Schul­jahr dient in der Regel der geziel­ten Vor­be­rei­tung auf das Abitur.

Ist die Waldorfschule eigentlich teuer?

Es ist ein Prin­zip der Wal­dorf­schu­le, kein Kind aus finan­zi­el­len Grün­den abzu­leh­nen. Da aber die Zuschüs­se an freie Schu­len in allen Regio­nen nied­ri­ger sind als jene, die staat­li­che Schu­len erhal­ten, müs­sen Wal­dorf­schu­len Schul­gel­der von den Eltern ver­lan­gen – obwohl sie erwie­se­ner­mas­sen bes­ser wirt­schaf­ten als Schu­len in öffent­li­cher Trä­ger­schaft. Um den­noch allen Kin­dern den Schul­be­such zu ermög­li­chen, bil­den die Leh­rer und Eltern Soli­dar-Gemein­schaf­ten, die zwar an jeder Schu­le etwas anders aus­ge­stal­tet sind, sich aber immer dar­um bemü­hen, die unter­schied­li­chen finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten der Fami­li­en auszugleichen. 

Kann eine Lehrerin in allen Fächern überhaupt qualifiziert sein?

Klas­sen­leh­re­rin­nen decken an einer Wal­dorf­schu­le tat­säch­lich ein gros­ses Spek­trum an Fächern ab. In beson­de­ren Aus­bil­dungs­we­gen, die sie in einem Voll­stu­di­um oder post­gra­du­iert im Anschluss an eine wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung an einem der Semi­na­re im Bund der Frei­en Wal­dorf­schu­len oder an einer Hoch­schu­le mit Wal­dorf-Qua­li­fi­ka­ti­on durch­lau­fen, wer­den sie gezielt dar­auf vor­be­rei­tet. Für Klas­sen, Fach und Ober­stu­fen­leh­re­rin­nen gilt glei­cher­mas­sen, dass ihre Aus­bil­dung min­de­stens gleich­wer­tig zur staat­li­chen Aus­bil­dung sein muss. In der Unter und Mit­tel­stu­fe liegt der Schwer­punkt allen Ler­nens nicht nur auf der Ver­mitt­lung rei­nen Fach­wis­sens, son­dern es geht auch dar­um, den Schü­lern eine leben­di­ge, erfah­rungs­ge­sät­tig­te Bezie­hung zu den Lern­in­hal­ten zu ermög­li­chen. So kann Ler­nen Freu­de machen – ein Leben lang.

Kommt die Vorbereitung auf die Abschlüsse nicht zu kurz, wenn so viele Praktika stattfinden, Theater gespielt und handwerklich gearbeitet wird?

Es ist rich­tig, dass die­se Akti­vi­tä­ten zusam­men mit dem Lern­pen­sum in man­chen Schul­jah­ren eine Dop­pel­be­la­stung für die Schü­ler bedeu­ten. Die Erfah­rung zeigt jedoch, dass die Prü­fungs­lei­stun­gen hier­un­ter nicht lei­den. Denn die durch­schnitt­li­chen Abschluss­no­ten der Wal­dorf­schü­ler lie­gen min­de­stens auf dem glei­chen Niveau wie bei Schü­lern von staat­li­chen Schulen. 

Worin unterscheiden sich Waldorfschulen überhaupt von anderen Schulen?

Wal­dorf­schu­len wol­len glei­cher­mas­sen intel­lek­tu­el­le, krea­ti­ve, künst­le­ri­sche, prak­ti­sche und sozia­le Fähig­kei­ten bei den Kin­dern und Jugend­li­chen ent­wickeln. Vom ersten Schul­jahr an ler­nen Wal­dorf­schü­le­rin­nen zwei Fremd­spra­chen. Jun­gen und Mäd­chen stricken, nähen und schnei­dern gemein­sam in der Hand­ar­beit und sägen, häm­mern und fei­len zusam­men im Werk­un­ter­richt. In jeder ach­ten und zwölf­ten Klas­se stu­die­ren sie ein anspruchs­vol­les Thea­ter­stück ein und set­zen sich in einer gros­sen Jah­res­ar­beit mit einem The­ma ihrer Wahl in Theo­rie und Pra­xis aus­ein­an­der. Die Fächer Gar­ten­bau und Euryth­mie sind feste Bestand­tei­le des Lehrplans.