18.09.2019

Einen All­tags-Gebrauchs­ge­gen­stand in eige­ner Hand­ar­beit her­zu­stel­len, alle ein­zel­nen Schrit­te sel­ber zu machen, sie zu durch­schau­en, macht einen Men­schen lebens­taug­lich. Es geht gar nicht nur dar­um, etwas her­zu­stel­len, was man braucht, son­dern ist ein Lern­feld für vieles: 


  • + das genaue Zuhören
  • + sich ein­zel­ne Arbeits­schrit­te vorzustellen
  • + etwas Vor­ge­stell­tes mit den Hän­den in ECHT umzusetzen
  • + Geschick­lich­keit für die Hän­de zu erwerben
  • + ver­ste­hen, wozu es wel­che Schrit­te braucht, wie das eine zum ande­ren führt, Din­ge zusam­men­hän­gen. Also Wege erleben.
  • + zu sehen, wie eine Arbeit, wenn sie lie­be­voll und sorg­fäl­tig aus­ge­führt wird, zu etwas Schö­nem führt. 
  • + die Erfah­rung, dass man Din­ge ler­nen, üben, durch­schau­en und tun kann.
  • + dass es sich lohnt, von Anfang an sau­ber zu arbei­ten, weil man sonst manch­mal lan­ge am Aus­bes­sern ist.

Mit die­sem Wis­sen ist das Wer­ken, in die­sem Fall das Buch­bin­den, eine rei­che Geschenk­ki­ste für Leh­rer und Schü­ler. Das Buch­bin­den for­dert sehr vie­le klei­ne Schrit­te, sie müs­sen sau­ber und genau aus­ge­führt wer­den und es dau­ert lan­ge, bis sich eins zum ande­ren fügt.

So müs­sen zuerst die ein­zel­nen Papie­re gefal­tet und zu Bün­den von je vier Bögen zusam­men­ge­legt wer­den. Beim hin­ter­sten und vor­der­sten Bund braucht es ein Zusatz­blatt, des­sen Sinn man erst ein­mal lan­ge nicht wirk­lich sieht. Aber es muss den­noch ange­bracht werden.


Nun fügt sich durch das Nähen ein Bund an den ande­ren dran. Man muss stramm nähen und braucht gleich­zei­tig Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, damit der Fan­den nicht reisst, man das Papier mit der Nadel nicht ver­letzt oder mit dem Faden durch­reisst. Die Bün­de müs­sen fest ver­kno­tet wer­den und bil­den lang­sam den Buch­block. Der Rücken muss noch ver­leimt wer­den, damit kei­ne Lücken zwi­schen den Bün­den entstehen.


Nun muss man den Ein­band machen, also Kar­ton zuschnei­den. Das allein kann schon ein Aben­teu­er wer­den. Man braucht zwei Tei­le, die recht­wink­lig und exakt gleich gross sind, dazu noch sau­be­re Kan­ten haben und die rich­ti­ge Grös­se. Die­se wer­den nun mit dem Buch­rücken zu einem Umschlag zusammengeklebt. 


Jetzt soll die­ser Ein­band auch noch schön sein. Wir haben hier­für Klei­ster­pa­pier gemacht, von dem sich jeder Schü­ler sein Schön­stes aus­sucht. Aus dazu pas­sen­dem Ein­band­lei­nen machen wir die Ver­stär­kung am Rücken und an den Ecken, da die­se Berei­che beson­ders stra­pa­ziert wer­den. Dann erst wird das Klei­ster­pa­pier genau pas­send zuge­schnit­ten und verklebt.

Nun ist der Ein­band für sich fer­tig. Der Buch­block wird ein­ge­klebt. Auch wie­der sehr genau, ganz hin­ten in den Ein­band ein­ge­fügt. Und erst jetzt macht das Zusatz­blatt vom Anfang Sinn, denn es dient die eine Sei­te davon als Ver­bin­dung zwi­schen Buch­block und Ein­band, die ande­re Sei­te ist das Vor­satz­blatt im Buch.

Und fast zum Schluss wird noch ein Innen­spie­gel ein­ge­klebt, so dass auch die Innen­sei­te des Ein­ban­des schön aussieht.

Die eigent­li­che Arbeit ist nun fer­tig… und doch braucht es jetzt noch etwas Geduld und Pfle­ge. Denn das Buch muss trock­nen und mit Zei­tung gut gepresst wer­den. Wür­de man es ein­fach auf dem Tisch lie­gen las­sen, wür­de sich der Deckel häss­lich bie­gen. Um Abdrücke zu ver­mei­den, muss über­all da, wo Zei­tung das Buch berührt, ein Back­pa­pier dazwi­schen lie­gen, also aus­sen um das Buch her­um und innen sowohl zum Innen­spie­gel, wie auch zur ersten Sei­te, resp. dem Vor­satz­blatt hin. Zwei bis drei mal müs­sen die Zei­tun­gen inner­halb einer Woche gewech­selt wer­den und die Bücher kom­men wie­der in die Presse.


Dann end­lich sind sie trocken und gera­de. Nun macht es Sinn, sie noch mit etwas Möbel­wachs zu behan­deln, damit das Klei­ster­pa­pier etwas geschützt ist und nicht abfärbt.


Im Lehr­plan der Wal­dorf­schu­le ist die­se Arbeit eigent­lich für die 10. Klas­se vor­ge­se­hen. Da wir aber kei­ne sol­che haben und ich die­se Arbeit unend­lich wert­voll, abwechs­lungs- und lehr­reich fin­de, mache ich sie ger­ne in der 9. Klas­se. Die Bücher, die dabei ent­ste­hen sind am Schluss immer ein Kon­zen­trat aus den Stun­den dich­ter Arbeit, aus Suchen und Rin­gen, aus Freu­de, Stau­nen oder Ver­zweif­lung, Geduld und Unge­duld, stil­lem Schaf­fen oder purer Wut, weil es doch nicht so ein­fach geht. Und sie sind eine hand­fe­ste Sache, die von Anfang bis Ende, Schritt für Schritt sel­ber gemacht wurde.

Chri­sti­ne Heer