Einen Alltags-Gebrauchsgegenstand in eigener Handarbeit herzustellen, alle einzelnen Schritte selber zu machen, sie zu durchschauen, macht einen Menschen lebenstauglich. Es geht gar nicht nur darum, etwas herzustellen, was man braucht, sondern ist ein Lernfeld für vieles:

  • das genaue Zuhören
  • sich einzelne Arbeitsschritte vorzustellen
  • etwas Vorgestelltes mit den Händen in ECHT umzusetzen
  • Geschicklichkeit für die Hände zu erwerben
  • verstehen, wozu es welche Schritte braucht, wie das eine zum anderen führt, Dinge zusammenhängen. Also Wege erleben.
  • zu sehen, wie eine Arbeit, wenn sie liebevoll und sorgfältig ausgeführt wird, zu etwas Schönem führt.
  • die Erfahrung, dass man Dinge lernen, üben, durchschauen und tun kann.
  • dass es sich lohnt, von Anfang an sauber zu arbeiten, weil man sonst manchmal lange am Ausbessern ist.

Mit diesem Wissen ist das Werken, in diesem Fall das Buchbinden, eine reiche Geschenkkiste für Lehrer und Schüler. Das Buchbinden fordert sehr viele kleine Schritte, sie müssen sauber und genau ausgeführt werden und es dauert lange, bis sich eins zum anderen fügt.

So müssen zuerst die einzelnen Papiere gefaltet und zu Bünden von je vier Bögen zusammengelegt werden. Beim hintersten und vordersten Bund braucht es ein Zusatzblatt, dessen Sinn man erst einmal lange nicht wirklich sieht. Aber es muss dennoch angebracht werden.


Nun fügt sich durch das Nähen ein Bund an den anderen dran. Man muss stramm nähen und braucht gleichzeitig Fingerspitzengefühl, damit der Fanden nicht reisst, man das Papier mit der Nadel nicht verletzt oder mit dem Faden durchreisst. Die Bünde müssen fest verknotet werden und bilden langsam den Buchblock. Der Rücken muss noch verleimt werden, damit keine Lücken zwischen den Bünden entstehen.


Nun muss man den Einband machen, also Karton zuschneiden. Das allein kann schon ein Abenteuer werden. Man braucht zwei Teile, die rechtwinklig und exakt gleich gross sind, dazu noch saubere Kanten haben und die richtige Grösse. Diese werden nun mit dem Buchrücken zu einem Umschlag zusammengeklebt.


Jetzt soll dieser Einband auch noch schön sein. Wir haben hierfür Kleisterpapier gemacht, von dem sich jeder Schüler sein Schönstes aussucht. Aus dazu passendem Einbandleinen machen wir die Verstärkung am Rücken und an den Ecken, da diese Bereiche besonders strapaziert werden. Dann erst wird das Kleisterpapier genau passend zugeschnitten und verklebt.

Nun ist der Einband für sich fertig. Der Buchblock wird eingeklebt. Auch wieder sehr genau, ganz hinten in den Einband eingefügt. Und erst jetzt macht das Zusatzblatt vom Anfang Sinn, denn es dient die eine Seite davon als Verbindung zwischen Buchblock und Einband, die andere Seite ist das Vorsatzblatt im Buch.

Und fast zum Schluss wird noch ein Innenspiegel eingeklebt, so dass auch die Innenseite des Einbandes schön aussieht.

Die eigentliche Arbeit ist nun fertig… und doch braucht es jetzt noch etwas Geduld und Pflege. Denn das Buch muss trocknen und mit Zeitung gut gepresst werden. Würde man es einfach auf dem Tisch liegen lassen, würde sich der Deckel hässlich biegen. Um Abdrücke zu vermeiden, muss überall da, wo Zeitung das Buch berührt, ein Backpapier dazwischen liegen, also aussen um das Buch herum und innen sowohl zum Innenspiegel, wie auch zur ersten Seite, resp. dem Vorsatzblatt hin. Zwei bis drei mal müssen die Zeitungen innerhalb einer Woche gewechselt werden und die Bücher kommen wieder in die Presse.


Dann endlich sind sie trocken und gerade. Nun macht es Sinn, sie noch mit etwas Möbelwachs zu behandeln, damit das Kleisterpapier etwas geschützt ist und nicht abfärbt.


Im Lehrplan der Waldorfschule ist diese Arbeit eigentlich für die 10. Klasse vorgesehen. Da wir aber keine solche haben und ich diese Arbeit unendlich wertvoll, abwechslungs- und lehrreich finde, mache ich sie gerne in der 9. Klasse. Die Bücher, die dabei entstehen sind am Schluss immer ein Konzentrat aus den Stunden dichter Arbeit, aus Suchen und Ringen, aus Freude, Staunen oder Verzweiflung, Geduld und Ungeduld, stillem Schaffen oder purer Wut, weil es doch nicht so einfach geht. Und sie sind eine handfeste Sache, die von Anfang bis Ende, Schritt für Schritt selber gemacht wurde.

Christine Heer