14.10.2019

Rückblick auf die erste Schreibepoche in der zweiten Klasse

Die erste Schreib­epo­che in unse­rem zwei­ten Schul­jahr fand im Herbst 2019 statt — um die Zeit her­um, in der Tag und Nacht kurz aber doch ein gemein­sa­mes Gleich­ge­wicht fin­den. Wir lies­sen die „klei­nen Geschwi­ster“ der gros­sen Buch­sta­ben „auf die Welt kom­men“. Es soll­te ein gemein­sa­mes Suchen sein: Will das klei­ne Geschwi­ster­chen dem gros­sen sehr ähn­lich schau­en? Sieht es bei­na­he gleich aus, nur ein biss­chen klei­ner? Oder will es ganz eige­ne For­men anneh­men? Man­che Schü­ler woll­ten noch wis­sen, ob es denn ein Mäd­chen oder ein Jun­ge wer­de? Wel­che klei­nen Geschwi­ster strecken ihr Füss­lein in die blaue Erde? Wel­che strecken sich auf Zehen­spit­zen bis zur gros­sen Schwe­ster oder zum Bru­der hinauf?

Für den Gesamt­chor der Klas­se waren die klei­nen Buch­sta­ben bereits woan­ders auf die Welt gekom­men, es war also nie eine lan­ge Suche nach der „rich­ti­gen“ Form. So begrüss­ten wir zügig einen klei­nen Kon­so­nan­ten nach dem andern. Es ent­stand ein leben­di­ger Lern­pro­zess mit eif­rig mit­ar­bei­ten­den Kin­dern. Die Klas­se war mit Kopf, Herz und Hand betei­ligt. Schliess­lich zeig­ten sich auch noch die „Engels­lau­te“ * Aa * Ee * Ii * Oo * Uu *.

End­lich ein atmen­der Ton, nach so vie­len Bb, Tt, Dd, Kk… Jetzt konn­ten die Kin­der begin­nen, mit Knet­wachs Sil­ben zu bil­den. Ein selbst gewähl­ter Engelston hielt die Mit­te, wäh­rend links und rechts die bei­den Kon­so­nan­ten vom Vor­tag in die Waag­scha­le (Hän­de) gelegt wur­den. So ent­stan­den vie­le unter­schied­lich klin­gen­de Sil­ben, die wir an die Tafel und danach ins Heft schrie­ben und die­se lesen übten. Gleich­zei­tig soll­te der täg­li­che Auf­ruf zur Erin­ne­rung an das, was gestern war das Gedächt­nis stär­ken. Aus Sil­ben ohne Sinn ent­stan­den auch Wör­ter die einen Sinn erga­ben, und plötz­lich konn­ten wir die Namen der Kin­der mit Druck­buch­sta­ben schreiben!

Der Abschluss der ersten Schreib­epo­che fand in der Woche nach dem St. Micha­els­tag statt. Wir hat­ten uns mit kraft­vol­len Gesän­gen und Geschich­ten zum The­ma Sankt Micha­el auf die­se Zeit vor­be­rei­tet. Die Kin­der schrie­ben schliess­lich einen Spruch, den sie gemein­sam mit den Erst- und Dritt­kläss­le­rIn­nen zur Quar­tals­fei­er gespro­chen hat­ten, auf Täfel­chen und ins Heft. Dann waren wir bereit, einen klei­nen Dra­chen aus sei­nem Ei schlüp­fen zu las­sen — wir pla­sti­zier­ten mit Ton. Die gan­ze Unter­stu­fe war damit beschäftigt!

An einem Don­ners­tag schau­ten wir mit beson­de­ren Edel­stei­nen, ob wir es als Klas­se schaf­fen kön­nen, in der Waa­ge ein Gleich­ge­wicht her­zu­stel­len, oder ein ver­lo­re­nes Gleich­ge­wicht wie­der zu fin­den. Die Kin­der tru­gen jeder auf sei­ne Wei­se zu einem Spiel der Kräf­te und Gewich­te bei und gli­chen ein­an­der immer wie­der aus.

Am letz­ten Schul­tag vor den Feri­en nah­men wir unse­re Mut­stei­ne in die Hosen­ta­sche, denn die­se brauch­ten wir nun für eine Abschluss­prü­fung, die übri­gens alle bestan­den haben: jedes Kind muss­te ganz allein, mit dem Licht in einer Later­ne aus­ge­stat­tet, durch eine stock­fin­ste­re Höh­le wan­dern. Frau Alva­rez stand am Ein­gang für alle Fäl­le bereit. Alle haben ihren Weg mutig beschrit­ten! Zurück am (danach umso hel­ler wir­ken­den) Son­nen­licht gab es einen von den Dritt-und Viert­kläss­le­rIn­nen selbst gebrau­ten Dra­chen­saft. Nun sind wir bereit für die kom­men­de Weihnachtszeit!

Kama­la Bea­tri­ce Alvarez

Klas­sen­leh­re­rin der zwei­ten Klas­se 2019/2020